Teil 1 - Mit dem Kajak auf der Disko Bucht / Grönland
Ein Reisebericht von Jörn Tietje
eMail: joern.tietje@xyz.deUrlaub in Grönland - und noch dazu mit dem Kajak! Wer diese Absicht in seinem Umfeld durchblicken läßt, muß darauf gefaßt sein, für verrückt erklärt zu werden. Dabei ist doch nicht nur das Wort Kajak aus dem Inuktitut - der Sprache der Inuit - entlehnt, sondern auch die Bootsform selbst wurde in dieser Region entwickelt, und erst sie ermöglichte und sicherte den Menschen hier ein Überleben in einer Umwelt, in der das Meer Nahrung in Hülle und Fülle bietet, während Flora und Fauna an Land so karg sind, daß sie allein kaum eine ausreichende Basis für eine dauerhafte Besiedelung bieten. Hinzu kommt die Faszination der Eisberge, Gletscher, Mitternachtssonne sowie der Möglichkeit, im Kajak Kontakt zu Walen zu haben, so daß die oft als erstes gestellte Frage nach dem Warum schnell beantwortet ist.
Doch von der Idee bis zum Einsetzen der Kajaks in den Hafen von Ilulissat waren umfangreiche Planungen und Vorbereitungen erforderlich. Denn was weiß man schon von dieser Insel im Nordatlantik? Na gut, sie ist mit 2,176 Mill. km2 Größe, von denen 84 % mit Eis bedeckt sind, etwa sechsmal so groß wie Deutschland, hat aber mit rund 55.000 Einwohnern eine Bevölkerungszahl wie eine deutsche Kleinstadt. Soweit die Statistik - aber was hilft sie drei Kanuten, die zwar auf Nord- und Ostsee zu Hause sind, aber bisher keine Verbindung zum Land der Menschen - Kalallit Nunaat, so der Eigenname Grönlands - hatten?
Daß es eine Kombination aus Paddel- und Wandertour werden soll, darüber ist schnell Einigkeit erzielt, wobei der Teil auf dem Wasser aber den klaren Vorrang genießen soll. Hier beginnen jedoch die Fragen: Ist es möglich, auf Grönland Kajaks zu leihen, und wenn ja, um welche Typen handelt es sich? Oder ist es doch besser, die eigenen Boote mitzunehmen? Reiseführer, Prospekte und Fahrtenberichte helfen nicht weiter. Doch es wird klar, Paddeln ist auf Grönland heute weder bei Einheimischen noch bei Touristen sehr verbreitet und verläßliche Informationen über einen Kajakverleih finden sich nicht. Also müssen die eigenen Boote über den Atlantik gebracht werden. Luftfracht scheidet aus, da SAS, die einzige Gesellschaft, die Grönland von Europa aus regelmäßig anfliegt, pro Boot mehr als 2000,- DM verlangt. Und dabei ist noch nicht einmal geklärt, ob in den kleinen Maschinen von Grönlandsfly überhaupt ein Weitertransport auf den Inlandsflügen möglich ist. Bleibt also nur der Schiffstransport. Die Royal Arctic Line in Aalborg/DK unterhält einen regelmäßigen Liniendienst zu allen "größeren" grönländischen Häfen, und die Beförderung der Boote und Ausrüstung ist unproblematisch, auch wenn die Preisgestaltung der Reederei schon etwas erstaunlich ist: kostet der Transport von Dänemark nach Grönland doch etwa viermal so viel wie in die Gegenrichtung.
Jetzt ist also die Frage zu klären, in welche Region es überhaupt gehen soll. Infrastruktur, Klima, Landschaft und mögliche Gefahrenmomente geben bei der Entscheidung den Ausschlag. Der Norden der Insel ist Nationalpark und weitgehend für Touristen gesperrt. Außerdem soll es keine Extremtour werden; daher scheidet auch die Ostküste aus, da sich hier ein Meereisstrom von Norden nach Süden an der Küste entlang schiebt und damit die Befahrbarkeit auch für die Berufsschiffahrt erheblich einschränkt. Hinzu kommt, daß auf dem Eis häufig Eisbären aus nördlichen Breiten heruntertreiben. Der Süden, das Siedlungsgebiet der Wikinger, die der Insel auch ihren europäischen Namen gaben, gilt als stürmische und regnerische Gegend. Allerdings gibt es hier in Narsaq einen der beiden internationalen Flughäfen der Insel direkt an einem Fjord, was die Anreise vereinfacht, und die Geschichte der Region, Gletscher und Hochgebirge direkt am Meer locken. Wäre da nicht die Disko Bucht, etwa in der Mitte der Westküste auf der gleichen Breite wie das Nordkap gelegen. Diese "Haltestelle der Hochdruckgebiete" verspricht mit viel Sonne, kaum Wind und Niederschlägen in den Sommermonaten ideale Paddelbedingungen und dazu einige Gletscher, die massenhaft Eisberge aller Größen in die Bucht entlassen. Die Gegend ist vielen durch den Film "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" nach dem gleichnamigen Roman von Peter Høeg bekannt geworden, der hier teilweise gedreht wurde, auch wenn die winterlichen Szenen nicht unbedingt einladend wirken! Ilulissat ist mit 4000 Einwohnern die größte Stadt in der Region und ist das touristische Zentrum Grönlands mit allen notwendigen Infrastruktureinrichtungen. Unser Traumziel ist gefunden!
Jetzt ist nur noch die Ausrüstung zu komplettieren, um auf alle erdenklichen Widrigkeiten vorbereitet zu sein. Auch die Verpflegung für drei Wochen wollen wir vollständig zu Hause einkaufen und mit verschiffen.
Die günstigste Reisezeit für uns sind der Juli und August. Das Eis vom Winter in der Bucht ist geschmolzen, bis Ende Juli geht die Sonne nicht unter und mit Frost und Schneefall müssen wir vor Ende August nicht unbedingt rechnen. Einen Monat vor unserer geplanten Ankunft in Ilulissat bringen wir die Kajaks nach Aalborg zur Royal Arctic Line. Vor dem Gebäudekomplex weht die Flagge Grönlands und wenn noch irgendein Zweifel bestanden hätten, wird beim Betreten des modernen Großraumbüros deutlich, daß wir hier richtig sind: an der Wand hängt ein echtes grönländisches Kajak! Die Formalitäten sind schnell erledigt, und wir lassen uns noch einmal bestätigen, daß wir die Boote auch am Tag unserer Ankunft, einem Sonnabend, abholen können.


