Teil 2 - Das fängt ja gut an!
Sonnabend, den 17.07.99 - endlich ist es so weit; heute fliegen wir unseren Kajaks nach. Trotz Bettenwechsels in den dänischen Ferienhäusern und des Ausfalls zweier Norwegenfähren kommen wir problemlos in den frühen Morgenstunden nach einer dreistündigen Autofahrt auf dem Kopenhagener Flughafen an. Im Flugzeug dann die erste Überraschung: Alle Durchsagen erfolgen auf Dänisch, Inuktituk und Englisch. Grönland ist zwar politisch Teil Dänemarks, seit 1979 aber die Selbstverwaltung eingeführt wurde, ist Inuktituk Amtssprache. Nach knapp 4œ Stunden Flugzeit landen wir in Kangerlussuaq - eine Ortsbezeichnung, die man auf der Landkarte Grönlands häufig findet, bedeutet sie doch nur „langer Fjord“, und davon gibt es viele. Kangerlussuaq war bis vor wenigen Jahren ein amerikanischer Militärflughafen, der einfach in die Landschaft gebaut wurde und wirkt dementsprechend ernüchternd. Die ca. 300 Einwohner des Ortes leben fast ausschließlich direkt oder indirekt vom Flughafen. Für die meisten Reisenden ist hier nur eine Zwischenstation zum eigentlichen Reiseziel, wenn man sich nicht mit Geländewagen, Mountainbike, Islandpony oder zu Fuß auf den 25 km langen Weg zum Inlandeis machen will. Unsere Reise geht nach einer Stunde mit einer 50sitzigen Turbo-Prop-Maschine zuerst über eisfreies Festland weiter, dann aber folgen wir der zerklüfteten Schärenküste in Richtung Norden. Die ersten Eisberge tauchen auf, und Fotoapparate klicken an jedem Fenster.
Ein Paddel im Handgepäck weist uns eindeutig als Kanuten aus, und das mag der Grund für die wohl für den weiteren Verlauf unserer Reise hilfreichste Begegnung gewesen sein. Neben uns im Flugzeug sitzt Dieter Zillmann, deutscher Honorarkonsul in Ilulissat, und gemeinsam mit seiner Partnerin, Elke Meissner, seit Jahrzehnten in der Gegend im Tourismusgeschäft. Er kennt die Disko Bucht wie seine Westentasche und gibt anhand der Karte wertvolle Tips über Gefahren, Naturschönheiten und gute Lagerplätze. Er bietet uns für den Fall, daß wir in Schwierigkeiten geraten, seine Hilfe an, und verspricht, auf seinen Fahrten mit „MS Smilla“ ein Auge auf uns zu haben - fischte er doch erst vor kurzem zwei österreichische Kanuten nach einer Kenterung aus dem eisigen Wasser. Und zu guter letzt: „Wenn Ihr zurückkehrt, kommt bei mir vorbei, ich kaufe Euch Eure Kajaks ab.“
Nach einer kurzen Zwischenlandung in Aasiaat kommt vom Piloten überraschenderweise in holperigem Deutsch eine Durchsage, deren Inhalt selbst für die Einheimischen ungewöhnlich ist: Er kündigt an, daß er wegen des guten Wetters einen Umweg fliegen werde und sich die Landung in Ilulissat deswegen um ca. 15 - 20 Minuten verzögern wird. Was wir dann im Tiefflug zu sehen bekommen, ist die Attraktion der Region: der Ilulissat Eisfjord! 40 km nur Eisberge, die sich in dem Fjord stauen, und an seinem Ende der zehn Kilometer breite Sermeq Kujalleq, einer der aktivsten Gletscher der nördlichen Halbkugel, der etwa 22 m pro Tag zurücklegt, mehr als die schnellsten Alpengletscher im ganzen Jahr, und dabei rund 20 Mrd. Tonnen Eis kalbt. Die Eisberge sind riesig und erreichen teilweise 100 m Höhe über dem Meeresspiegel, wobei doch 80 - 90 % unter Wasser verborgen bleiben! Da liegt auch die Erklärung für diesen Stau im Fjord. Er ist zwar mehr als 1000 m tief, aber eine Barriere von "nur" 250 - 300 m Wassertiefe an seiner Mündung zur Disko Bucht versperrt den weißen Giganten den Weg ins offene Meer, so daß sie erst ihre Reise fortsetzen können, wenn sie abgescholzen sind oder der Druck im Fjord so groß geworden ist, daß sie über diese Untiefe gepreßt werden. Total begeistert von diesem Naturschauspiel, das wir noch dazu auf einem Linienflug geboten bekommen haben, landen wir in Ilulissat. Besser kann unsere Reise nicht beginnen. Jetzt müssen nur noch die Kajaks wie vereinbart angekommen sein.
Im Hafen dominieren die Gebäude der Fischfabrik, in der vorwiegend Heilbutt und Tiefseekrabben verarbeitet werden, und die riesige Lagerhalle der Spedition. Aber weit und breit niemand, der uns an die Boote lassen könnte, um Zelte und Verpflegung zu holen, und ich erinnere mich an Ratschläge, möglichst nicht an einem Samstag anzukommen. Die Hilfsbereitschaft, die wir im Tourist Service und von Einheimischen erfahren ist überwältigend, aber schließlich erscheint doch noch ein Mitarbeiter des Transportunternehmens und alles klappt wie geplant; ihm war nur eine andere Ankunftszeit übermittelt worden.
Im Tourist Service melden wir uns für den örtlichen Campingplatz an. Dieser darf aber nicht mit europäischen Maßstäben gemessen werden. In einigen Containern sind einfachste Sanitäreinrichtungen, ein beheizter Aufenthaltsraum und zwei Duschen untergebracht. Ansonsten kann man auf einem weitläufigen Gelände zwischen Felsen einen ungestörten Platz für sein Zelt suchen. Dafür ist aber die Lage außerhalb des Ortes in unmittelbarer Nähe des Eisfjords einzigartig. Was aus dem Flugzeug beeindruckend war, ist aus der Nähe betrachtet einfach überwältigend. Dazu eine Geräuschkulisse von zerberstendem Eis, die sich am ehesten mit Gewitterdonner oder Geschützfeuer vergleichen läßt. Das Wetter verschlechtert sich. In der Nacht regnet es ein wenig und es wird windig. Dabei versichern alle, daß die vorangegangenen Wochen herrliches Wetter boten, was auch an der Trockenheit der Landschaft erkennbar ist.
Den Sonntag nach unserer Ankunft wollen wir nutzen, um uns im Ort umzusehen; den Start für unsere Paddeltour haben wir erst für den nächsten Tag geplant. Das Ortsbild wird bestimmt durch bunte Ein- und Mehrfamilienhäuser, dazwischen Supermärkte, Geschäfte, Werkstätten, Hotels, Schulen und Museen, alles wie in jeder anderen Stadt. Es herrscht reger Fahrzeugverkehr - vorwiegend Taxen - der aber an der Ortsgrenze mangels weiterführender Straßen endet. Im Hafen drängen sich hunderte Fischkutter und kleinerer Motorboote. Scheinbar verfügt jede Familie über ein eigenes Boot und nutzt das Wochenende zu einem Ausflug oder zu Jagd und Fischfang. Kleinere Eisberge treiben bis in den Hafen. Schließlich sind da noch die Schlittenhunde. Überall zwischen den Häusern und auf freien Flächen am Ortsrand sind sie angekettet und dösen meistens vor sich hin; nur die Welpen laufen frei herum und sind dankbar für Streicheleinheiten. Es sind vermutlich Tausende, obwohl die Zahlenangaben erheblich schwanken, und vor zwei Jahren soll ein Seuche mehr als 2000 Tiere das Leben gekostet haben. Wir halten respektvollen Abstand zu den ausgewachsenen Hunden, denn die Geschichten, die über diese noch sehr ursprünglichen Tiere erzählt werden, sind Warnung genug. Eine Wanderung führt uns (natürlich) am Rand des Eisfjords entlang und hier stoßen wir immer wieder auf Spuren aus der Vergangenheit, in der das (Über)Leben in dieser rauhen Umwelt noch deutlich schwerer war. Da ist eine Schlucht, die Altweiberklamm heißt, weil sich früher hier alte Frauen in Notzeiten in die Tiefe stürzten, um die Gemeinschaft nicht zu belasten. Am Strand liegen unzählige Knochen, Køkkenmødding - Küchenabfälle - genannt, und im Gras sind die Reste von Häusern aus Steinen und Torfsoden als kleine rechteckige Erdwälle sichtbar. In der Nähe dieser Siedlungsreste finden sich auch Gräber, die als keine Steinhügel mit ein wenig Übung schnell zu entdecken sind, in denen menschliche Knochen offen sichtbar sind. Solche mehrere Jahrhunderte alten Siedlungsreste sind auch in den Landkarten eingezeichnet, und sie werden für uns Ziele, die wir gern ansteuern, weil sie immer an idealen Lagerplätzen angelegt wurden - flache Kiesstrände, weicher Untergrund und meistens so gelegen, daß der Wind die sonst allgegenwärtigen Mücken vertreibt.
Der Traum wird Wirklichkeit
Damit hatten wir nicht gerechnet! Mit unseren drei Kajaks sind wir im Hafen von Illusissat eine Attraktion für Einheimische wie für Touristen. Bei dem mühseligen Versuch, Ausrüstung und Verpflegung für 15 Tage zu verstauen, kommen immer wieder Jäger und Fischer, die längst auf Motorboote und Kutter umgestiegen sind, um die moderne Weiterentwicklung des wichtigsten Fortbewegungsmittels ihrer Vorfahren unter die Lupe zu nehmen. Und für die anderen Touristen sind wir offenbar ein willkommenes Fotomotiv, um ein Grönlandklischee zu bestätigen, das mit der Realität wenig gemeinsam hat, denn auf dem Wasser haben wir in der ganzen Zeit kein anderes Kajak gesehen.
Eisberge! Wo man hinsieht: Eisberge! Hunderte! Eisberge in allen Größen und Formen! Und wir mit unseren drei Kajaks mittendrin! Ein unbeschreibliches Gefühl!
Bei unseren Vorbereitungen auf diese Reise hatten wir Unmassen Literatur über Grönland und die Arktis verschlungen, aber kein noch so aufwendig gestalteter Bildband, keine noch so gelungene Beschreibung besteht den Vergleich mit der Realität . Bei unserer Abfahrt im Hafen von Ilulissat geben die Fischer mit Gesten zu verstehen, daß wir vor der Hafeneinfahrt auf der Disko Bucht mit starkem Seegang zu rechnen hätten, und ein Mitarbeiter der Spedition bietet sich an, uns mit dem Pkw nach Nuugaarsuk, einem vorgelagerten Kap, zu bringen, um uns dort selbst ein Bild von den Wind- und Wellenbedingungen zu machen. Wir verzichten und starten mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die Verhältnisse geben uns recht. 3 - 4 Beaufort und 50 - 70 cm Wellenhöhe sind kein Problem. Aber die innere Anspannung bleibt; zu viele furchterregende Geschichten und Berichte über kenternde Eisberge, Flutwellen und abbrechende Eisbrocken spuken wohl noch im Kopf herum, um die Schönheit richtig genießen zu können. Je näher wir unserem ersten Etappenziel Oqaatsut (Rodebay) kommen, desto besser werden die Bedingungen. Der Wind schläft fast völlig ein, das Wasser beruhigt sich und vor uns liegt Bilderbuch-Grönland: strahlender Sonnenschein, spiegelglattes Wasser mit langer Restdünung, Eisberge und die kleinen, bunten Häuser von Oqaatsut auf nacktem, von eiszeitlichen Gletschern geschliffenem Granit. Das Donnern und Krachen, wenn Teile von Eisbergen abbrechen, läßt zwar noch immer unsere Köpfe wie auf Kommando herumfahren, aber unsere Befürchtungen sind unbegründet. Trotz der Verlockung, näher heranzufahren, halten wir von den großen Eisbergen einen respektvollen Abstand, obwohl die 500 m, die Dieter uns als Mindestabstand von den Riesen empfohlen hatte, sich nicht immer einhalten lassen: Es sind einfach zu viele. Als dann auch noch ein Eisberg mit einem riesigen, bestimmt 20 - 30 m hohen Bogen auftaucht, gibt es kein Halten mehr: Spritzdecke auf, Kamera raus und die ersten Fotos "Kajak vor Eisberg" werden auf den Film gebannt - unzählige sollen noch folgen!
In Oqaatsut leben nur 40 Menschen, aber deutlich mehr Schlittenhunde. Wir umrunden noch die Halbinsel, auf der das Dorf liegt, und wollen unter Berücksichtigung eines Mindestabstandes von 300 m, um den Besucher gebeten werden, unsere Zelte aufschlagen. Was wir dort am Ufer vorfinden, verschlägt uns aber in zweifacher Hinsicht den Atem. Auf einer flach zum Ufer hin abfallenden Felsplatte liegen die nicht mehr ganz frischen Überreste eines erst kürzlich erlegten Wals. Wie wir später erfahren, handelte es sich um einen 20 m langen Finnwal, der drei Wochen vor unserer Ankunft erlegt, dort angelandet und zerlegt wurde. Wirbelknochen und der Schädel blieben einfach liegen und verbreiten jetzt einen penetranten Verwesungsgeruch. Regelmäßige Gäste sind hier eine Hündin mit ihren halbwüchsigen Welpen, die sich an den Resten gütlich tun und dabei an unseren Zelten vorbeikommen. Vor ihnen ist nichts sicher. Eine faltbare Schüssel ist der Tribut, den wir zu zahlen haben, weil nicht alles im Zelt oder Boot verstaut wurde. Walfleisch steht nach wie vor auf dem Speiseplan der Einheimischen und so dürfen in der Diskobucht jährlich zwei bis drei Finnwale gefangen werden.
Uns bleibt keine andere Möglichkeit, wir müssen in der Nähe des Schlachtplatzes anlegen. Beim Versuch das schwere Boot über eine Felskante zu ziehen, bricht mir der Heckbeschlag ab, und die Steuerung hängt nur noch an den Seilen. Was nun? Ohne Steuerung ist der Yukon Expedition bei Wind und Wellen nur noch schwer beherrschbar, und wir hatten doch abgemacht, kein unnötiges Risiko einzugehen. Aber hatte unser Ratgeber auf dem Hinflug nicht vom "H 8" erzählt, einem Café und Restaurant, das von einem deutschen Paar bewirtschaftet wird? Schon von weitem sehen wir das Gebäude mit dieser Beschriftung auf dem Dach, die früher Piloten als Orientierungshilfe diente. Uta und Ingo aus Thüringen haben hier ein gemütliches Refugium geschaffen, das nicht nur von Touristen, sondern überwiegend von Einheimischen besucht wird. Ingo hat schnell eine passende Schraube gefunden, eine Bohrmaschine kann ich auch bei ihm leihen und so ist der Schaden am nächsten Tag weitgehend behoben, auch wenn die Reparaturmasse sich nicht mit dem PE verbindet, so daß ich von jetzt an immer ein wenig Wasser ins Boot bekomme; aber die Steuerung hält bis zum Schluß. Uta und Ingo präsentieren uns nicht ohne Stolz ihre eigenen Kajaks, mit denen sie selbst auch häufig unterwegs sind. Hans Memminger und seine Tochter haben sie nach einer Reise hier zurückgelassen.
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